4. Folge

PROJEKT SINNLOS – DER FALL

ANNAPOLIS, MARYLAND

LEA

Ich nahm mein elektronisches Armband hervor und

tippte nacheinander die richtige Folge meiner rechten Fingerkuppen aufs Display. 4, 2, 5, 3, 1. Ein hoher Piepston bestätigte, dass ich online war.

Ich drückte den Knopf rechts vom Display, hielt mein Handgelenk nahe an meinen Mund und flüsterte – ich wusste, niemand war da, flüstern daher unnötig, aber die Grauzone in der wir uns bewegten, liess mich merkwürdige Dinge tun – “Lea OK”.

Ich betätigte den Knopf links am Armband zum runterscrollen zu den älteren Nachrichten.

Die letzte Nachricht von Greg stammte von gestern morgen. Nach dem heutigen Facebook-Stunt, der nun doch schon 4 Stunden zurücklag, hatte er nicht mehr geschrieben. Merkwürdig.

Normalerweise loggte er sich immer kurz danach ein.

Aber kein Anlass mich zu sorgen, denn der Stunt hatte ja stattgefunden, also war sicherlich alles in Ordnung.

Trotzdem war da dieses merkwürdige Gefühl in mir, eine Stimme, die zwar keine Worte benutzte, aber doch sehr klar kommunizierte. Irgendetwas war nicht so wie es sein sollte.

Oder… vielleicht war es auch einfach eine aufkommende Traurigkeit, da unser Projekt mit dem letzten Stunt nun vorbei war. Geschichte. Passé. Erfolgreich, aber nichtsdestotrotz beendet.

Nicht dass ich unglücklich wäre. Ganz im Gegenteil; ich schwebte auf Wolke 7. Obwohl vollkommen neu und ungewohnt war die Zeit, die ich mit Greg verbrachte, wohl die schönste überhaupt. Es war so wunderbar, ich konnte es kaum in Worte fassen. Das Gefühl, bei und mit ihm zu sein, war schlicht atemberaubend.

Das Projekt aber auch, wenn auch eher auf den Adrenalinschub zurückzuführen, der die Grauzone uns bot.

Greg hatte angekündigt, dass er mich auf eine Reise mitnehmen wollte, sobald das Projekt zu Ende war. Mehr Details hatte ich bislang nicht aus ihm rauskitzeln können.

Jede einzelne Zelle meines Körpers – und das waren doch ca. 50 Billionen – sehnte sich danach, wieder in Greg‘s Armen zu liegen. Trotzdem hatte ich ein paar Bedenken, an denen ich besser nicht zuviel herumstudierte.

Wie es wohl Aleja ging? Sie hatte auch schon 26 Stunden nichts mehr von sich hören lassen.

Effektiv nur ein paar Sekunden später ertönte ein Piepston, der eine einkommende Nachricht ankündigte.

VoiceOver begann vorzulesen: „Der Zugang des Benutzers Aleja ist gesperrt worden durch die Eingabe des Destruktionscodes.“

Beinahe wäre ich vom Sessel gefallen. Ich zitterte am ganzen Körper. Was zur Hölle??

Ich verspürte den überwältigenden Drang, auf der Stelle das Armband wegzuhaben, tippte mit zitternden Fingern sachte den Logout-Code ein und legte das Armband weg.

Denk nach, Lea!

Währenddessen lief ich in meiner Wohnung auf und ab. Was sollte ich bloss tun?

Ich musste mich sofort mit Greg in Verbindung setzen.

Wo war er nur? Wieso hatte er sich noch nicht gemeldet? Sollte ich ihn auf seinem regulären Handy anrufen?

Nein, irgendetwas war nicht so, wie es sein sollte.

Ich loggte mich erneut ein in der Hoffnung, dass er sich doch noch einloggen würde: „Wo bist du bloss, Greg? Und was machen wir mit Aleja?“

SAN FRANCISCO, CALIFORNIA

ALEJA

“Clearwater, Hughes & Partners – Hier spricht Roxanne. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?”

“Guten Tag! Ich möchte gerne Herrn Hirschfeld sprechen. Ist er gerade frei?”

“Welchen der beiden Herren Hirschfeld möchten Sie denn sprechen?”

Welchen? Wieviele gab es denn von denen?

“Terence Hirschfeld.” Das A…

Gut, konnte Roxanne meine Gedanken nicht lesen.

“Leider nimmt er gerade an einer Sitzung teil”, informierte Roxanne mich freundlich. “Soll er Sie in einer Stunde zurückrufen, sobald er frei ist?”

“Nein. Er soll mich umgehend auf dieser Nummer zurückrufen. Es ist äusserst wichtig, und vertrauen Sie mir, es ist auch wichtig für Sie!”

Etwas Druck schadete nie. Sie wusste ja nicht, wie wichtig es war oder in Anwaltsdeutsch um wieviel Geld es potenziell ging. Als Sekretärin konnte sie es sich nicht leisten, ihn nicht zumindest sofort wissen zu lassen, wer gerade an der Strippe hing.

Ob er darauf eingehen würde? Keine Ahnung. Feingefühl hatte er ja nicht… Aber als Anwalt hoffentlich einen Funken Anstand.

Gut, betreffend Feingefühl… Mein Abgang bei unserem ersten und letzten Treffen war meinerseits auch wenig “feinfühlig” gewesen. Normalerweise schüttelte man Hände und nutzte sie nicht, um Ohrfeigen zu verteilen. Gut, manche Männer fanden das ja antörnend. Ob er ein solcher war?

Entnervt liess ich mich mich auf der unbequemen Pritsche nieder. Warten war nichts für mich.

Mein Blick wanderte zur Decke. Nein, auf dem Polizeiposten in U-Haft hatte ich mir mich echt nicht vorgestellt.

Ich hatte mich so sehr auf Greg verlassen, dass ich gar nicht in Betracht gezogen hatte, durch eigene Dummheit in einer Zelle zu landen.

ANNAPOLIS, MARYLAND

LEA

Die Nacht hindurch war ich immer wieder aufgewacht, hatte mich mal nach links, dann nach rechts gedreht, während immer schrecklichere Gedanken durch meinen Kopf jagten.

Ich hatte noch immer nichts von Greg gehört. Mir war schlecht vor Sorge um ihn.

Wobei die Polizei nicht einmal die schlimmste Variante war.

Menschen, die ich lieb gewonnen hatte, waren mir schon etliche Male aus meinem Leben gerissen worden.

Was, wenn er in einen Unfall verwickelt worden war?

Und dann war da noch eine Variante, die mich fast in die Verzweiflung trieb; was, wenn er, nachdem unser Projekt ja nun vorbei war, jegliches Interesse an mir verloren hatte? Mich aus eigenem Antrieb verlassen würde?

Allein der Gedanke daran liess meine Herz rasen, verknotete meinen Magen und schnürte mir beinahe die Luft ab.

Aber Greg war nicht so! Ich hielt mich an diesen Gedanken, um die aufkeimende Panik wegzudrängen.

“Fokussier dich auf Positives, Lea!”, ertönte Dr. Kellers Stimme in meinem Hinterkopf.

Berkely Springs, die Autofahrt mit Veed, die Shoppingtour in New York City mit Ana…

Aber meine Gedanken drifteten immer wieder in die aktuelle Realität ab. Ich musste raus aus meiner Wohnung. Ayla! Ja, die würde mich beruhigen.

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