Rascher Überblick – Wer ist wer:

Lea, Ana, Greg & Dan mit Seline
Jeff, Kommissar Klein, Aleja & Jackie

Jeff ist ein ganz normaler Kerl. Vielleicht etwas neugieriger als der Durchschnitt. Aber jeder kann ihn gut riechen – nur er sich selbst nicht.

Lea ist blind seit Geburt. Das heisst, dass für sie die visuelle Welt nicht existiert. Man kann aber auch auf andere Weise blind sein. Ist sie beides?

Ana hat CIPA – Congenital Insensitivity to Pain with Anhidrose – eine angeborene Schmerzunempfindlichkeit in Verbindung mit der Unfähigkeit zu schwitzen. Das bedeutet aber nicht, dass sie vor dem Schmerz eines gebrochenen Herzens gefeit ist.

Aleja hat effektiv keinen Geschmackssinn. Aber dafür umso mehr Geschmack für äusserst teure Kleidung und attraktive Männer.

Und Greg? Nun, er ist manchmal etwas stur. Und dickköpfig. Und auf gut gemeinte Ratschläge geht er schon aus Prinzip gar nicht erst ein. Darauf angesprochen erwidert er trocken; «Wieso soll ich deinen Ratschlag befolgen, wenn ich ihn nicht hören kann?»

 Zusammen sind sie «die Sinnlosen». Das Wort «sinnlos» wird normalerweise verwendet als «frei von Sinn» oder «nutzlos». Aber für ihre Gruppierung ist jeder einzelne von ihnen weiss Gott nicht nutzlos. Und ihre Beweggründe sind definitiv alles andere als sinnfrei!

SINNLOS – DER FALL

  1. FOLGE

McLEAN, VIRGINIA

GREG

Greg

Mein Verstand war vollständig vereinnahmt von Sorgen um Lea, während ich durch meine Wohnung sprintete und mir auf dem Weg zum Aufzug die Autoschlüssel vom Wohnzimmertisch schnappte. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was wohl passiert war. Trotzdem tauchten ungefragt Bilder vor meinem inneren Auge auf.

Auf den Aufzug zu warten, während du spürst, wie dir vor Aufregung das Adrenalin durch die Adern pumpt, ist die Hölle. Geduld war immer schon ein stark unterentwickeltes Persönlichkeitsmerkmal von mir gewesen – falls denn überhaupt vorhanden – und untätig vor dem Aufzug zu warten, war qualvoll. Aber ich brauchte nicht nachzurechenen um zu wissen, dass die Aussentreppe für Notfälle viel mehr Zeit in Anspruch nehmen würde. Einer der Nachteile, wenn man zuoberst im Penthouse wohnt.

Zum Glück hatte der Aufzug einen Schalter zum Schliessen der Türen, auf den ich umgehend drückte. Mehrmals. Einmal hätte selbstverständlich ausgereicht, aber Lea war in Gefahr und ich durfte keine Sekunde vergeuden.

Obwohl die Fahrt mit dem Aufzug objektiv gesehen lediglich 15 Sekunden beanspruchte, fühlten sich diese wie eine halbe Ewigkeit an. Im UG angekommen, drängelte ich mich durch die sich öffnende Türspalte und rannte auf meinen Wagen zu. Eine 360-Grad Momentaufnahme der Tiefgarage bestätigte meine Annahme, dass niemand anderes da war, der zu Schaden kommen könnte, während ich zum Ausgang raste.

So wie ich im Auto sass, aktivierte ich den automatischen Garagentoröffner, damit es offen wäre, sobald ich beim Ausgang ankam. Viel schneller als gewöhnlich schoss ich durch den Tiefgaragenausgang nach draussen. Und stand dann voller Wucht mit beiden Beinen auf die Bremse.

Keine fünf Zentimeter trennten mich nach dem abrupten Halt vom mir gegenüberstehenden Wagen. Angesichts der blinkenden Sirenen auf dem Dach des Polizeiwagens nahm ich an, dass mein Aufkreuzen erwartet worden war, aber ein Blick auf das erschrockene Gesicht des Polizisten, der im selbigen Wagen sass, sagte mir, dass sie nicht mit einem solchen Tempo meinerseits gerechnet hatten.

Aus dem dahinter geparkten Wagen stieg ein Herr, der mir von unseren Recherchen und den Zeitungen mittlerweile bestens bekannt war. Kommissar Klein.

Wieso zum Henker hatte ich diese Möglichkeit ausser Acht gelassen? Wenn dem Täter kein Fehler passiert, dann muss man als Polizist einen provozieren. Obwohl ich keine nachverfolgbaren Spuren hinterlassen hatte, musste ich auf irgendeine Art und Weise auf ihrem Radar aufgepoppt sein.

Mir war schon bewusst gewesen, dass es äusserst heikel war, meine Schwester als neurologische Beraterin fürs Team aufzubieten. Allerdings war sie mit ihren Fähigkeiten prädestiniert für diese Aufgabe und da wir Anas Forschung die bestmöglichen Aussichten bieten wollten, wäre es töricht gewesen, sie nicht miteinzubeziehen.

Hmm… Jackie… Falls sich die Gelegenheit böte, würde sie mich wohl in den Allerwertesten treten – eventuell sogar von vorne. Trotzdem stellte sie zu diesem Zeitpunkt das kleinste meiner Probleme dar. Was mich momentan beschäftigte war der Fakt, dass die Polizei scheinbar von meiner Beziehung mit Lea Kenntnis hatte.

Um mich im heikelsten Moment abzulenken, hatten sie Leas Telefonnummer sozusagen ‘gespiegelt’ und meine Reaktion darauf korrekt vorausgesehen. Man müsste eigentlich der Polizei ein Kränzchen winden. Aber naja, dafür wurden sie schliesslich auch bezahlt. Ob sie von Leas Beteiligung am Projekt wussten oder das allenfalls annahmen, darüber konnte ich nur spekulieren.

Merkwürdigerweise beruhigte es mich, die Polizei vor mir stehen zu sehen. Die Aussicht darauf, die nächsten paar Tage in U-Haft zu verbringen, war zwar nicht gerade schmackhaft, aber im Umkehrschluss bedeutete es, dass Lea wohlauf war.

Die fortschreitende Abenddämmerung verwandelte die geparkten Polizeiwagen mit den rot und blau blinkenden Dachlichtern vor mir in eine dramatische Szene. Mir war das Prozedere, wenn die Polizei einen Verdächtigen im Wagen anhält, bestens bekannt, also stellte ich in langsamen Handbewegungen den Motor aus, betätigte den Knopf zur Öffnung des Fensters und legte in aller Ruhe meine Hände wieder zurück auf das Lenkrad.

Kommissar Klein gab dem anderen Polizisten mit einer Handgeste zu verstehen, er solle fürs Erste im Wagen bleiben, und näherte sich meinem Wagenfenster. Seiner Haltung, wie er ging und seiner versteinerten Miene nach zu urteilen, war mit ihm nicht zu spassen. Obwohl ich Triumph in seinem Blick erkannte, entdeckte ich darin auch eine gewisse Neugier. Für einen Moment schaute er mir streng in die Augen.

Ich versuchte gar nicht erst, seine Lippen zu lesen, als er zu sprechen begann. Erstens, weil es wie schon gesagt am eindunkeln war, was meine Sicht verschlechterte. Zweitens, weil er mich sowieso als Allererstes darüber informieren musste, dass ich das Recht habe, zu schweigen, bis ich einen Anwalt an meiner Seite habe, und diese Sätze kannte ich bereits auswendig – Chicago P.D., die Fernseh-Serie, die ich zum Lernen fürs Lippenlesen auserkoren hatte, hatte gewisse positive Neben-(lern)-wirkungen erzielt. Und drittens hatte ich soeben entschieden, dieses sogenannte Miranda-Recht einzufordern und zu schweigen.

CHIEF KLEIN

Kommissar Klein

Das musste ich Lionel lassen; er hatte gute Arbeit geleistet. Sein Achilles-Fersen-Ansatz hatte hervorragend funktioniert. Ein einziger gefälschter Anruf mit Leas Telefonnummer und die Katze war im Sack. Und diese Katze, also Greg, stand nun leibhaftig vor mir.

Ehrlich gesagt stellte ich mir Täter selten in Gedanken vor, da wir zumindest heutzutage immer irgendwelche Fotos im Internet vorfanden. Aber im Fall der Sinnlosen schien alles ein bisschen ungewöhnlich zu sein. Als IT-Nerd hatte ich mir diesen Greg effektiv in dessen Stereotyp vorgestellt. Aber obwohl er ein IT-Crack war, machte er so gar nicht den Anschein wie die Typen, die sozusagen in ihrer Garage aufwachsen. Höchstwahrscheinlich hatte er dies dem Einfluss seines Umfeldes zu verdanken. Reich, schön und nobel hatten wohl diesen Effekt.

“Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann und wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden.” Und so weiter und so fort, gähn… Ich hatte diesen Satz in meiner Karriere schon Tausende Male gebraucht, ich musste nicht mal überlegen beim Reden.

Was mich aber verwirrte, war die Tatsache, dass ihm im Gegenzug kein einziges Wort über die Lippen kam. Er stieg wortlos aus seinem Wagen, als ich ihn aufforderte, fluchte nicht und schien auch weder sonderlich aufgeschreckt, noch besorgt, dass die Polizei ihn abführte.

“Ihre Schlüssel und Ihr Telefon. Bitte.”, befahl ich und fügte hinzu, “Und die SmartWatch auch!”

Als er keine Anstalten machte, wiederholte ich die Worte lauter. Irgendetwas stimmte mit diesem Typen nicht und es machte mich wütend, dass er so gelangweilt vor mir stand und meinen Befehlen nicht Folge leistete. Als ich ihn wütend an der Schulter packte, begann er langsam und laut zu sprechen.

“Sir, ich bin taub und weil es dunkel ist, kann ich Ihre Lippen nicht lesen.”

Was zur Hölle…??

Während ich ihn immer noch an der Schulter hielt, aber meinen Griff etwas lockerte, bellte ich Lionel an, er solle das verifizieren. “Ist dieser Typ hier tatsächlich taub?”

Würde ja voll zum Thema passen.

“Keine Ahnung. Also Jackie hat es nie erwähnt und er ist in keinem öffentlich zugänglichen Portal als solcher registriert.”

“Sollte er das nicht sein?!”

“Solange er keine Benefits verlangt, nein.”

Das war ja wieder mal ein Glück für uns heute Abend. Ich wusste, dass es ein spezielles Verfahren gab in der Aufklärung von tauben Verdächtigen zu Ihren Rechten, aber das war schon Ewigkeiten her, seit ich darüber informiert worden war und ich war in meiner gesamten Karriere nie einem tauben Verdächtigten begegnet. Übrigens auch keinem blinden.

Am Ende beschlossen wir, ihm seine Rechte auf Lionels iPhone zu zeigen, und liessen ihn mangels Alternative auf einem Bussenzettel unterschreiben, dass er seine Rechte verstanden hatte.

Das Letzte, was wir brauchen konnten, war, dass ein Verteidiger uns vor der Jury vorführte, weil wir Titel II der Rechte der Amerikaner:innen mit Behinderungen nicht beachtet hatten.

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